Quo vadis – Finance

Auf einen Kaffee mit… Michael Bloss

Auf los geht’s los…

Und los…

Herr Bloss, Sie haben kürzlich das Buch „die Gier nach Gold“ veröffentlicht.  Der Goldpreis pendelt zwischen 1600 und 1800 USD je Feinunze, wie erklären Sie die Gier nach Gold?

Die Gier nach Gold ist so alt wie die Menschheit selbst. Seit mehreren tausend Jahren gilt Gold als das einzige Wertaufbewahrungsmittel mit Bestand. Immer wenn der Mensch von etwas sehr Wertvollem spricht, setzt er es mit dem Begriff Gold gleich. Wir sind so sozialisiert und erzogen. Dem Element Gold ist die Sonne als Himmelskörper zugewiesen und übertragen der Begriff Licht. Licht ist für den Menschen etwas Elementares. Mit dem Licht hat alles begonnen. Die ersten Worte Gottes in Genesis waren: Es werde Licht. Diese Sozialisierung ist tief in uns verwurzelt.

Shop-WunderIst Gold wirklich als Werterhaltungsinstrument geeignet oder folgen Investoren einem Mythos?

Der Mythos feuert die Diskussion an, ist jedoch auch gleichzeitig des „Pudels Kern“… Gold ist nun mal ein Sachwert und somit Werterhaltungsinstrument. Im Gegensatz zu Immobilien, Grundstücken oder auch Unternehmensbeteiligungen ist es einfach und schnell übertragbar.

Hat sich die Gier nach Gold hinsichtlich der aktuellen Ereignisse verstärkt?

Nein, das würde ich eher anders umschreiben. Das Bewusstsein für eine Anlage in Gold hat sich verändert. Gold wird wieder als Teil des Familienvermögens gesehen. Als Sicherheitsanker. Dabei ist auch zu beachten, dass Gold nicht der einzige Heilbringer ist. Es ist immer nur als Beimischung zu sehen.

Welche Rolle spielt Gold für Investoren heute? Krügerrand, Barren oder Gold Derivate?

Wenn man wirklich den Werterhaltungsgedanken in sich trägt, sollte man Gold nur physisch in Form von Barren und Münzen kaufen. Derivate sind etwas für Investoren, welche auf eine Preisveränderung setzen. Als Familiensicherung würde ich diese nicht nutzen.

Halten Sie es für realistisch, dass Gold kurzfristig Papiergeld als Zahlungsmittel ablösen könnte?

Nein! Das ist in der heutigen Zeit nicht realisierbar und wäre auch nicht gut. Das Fiat Money System hat zwar seine Schattenseiten, aber es ermöglicht Wachstum und Wohlstand auf einer breiten Front. Das wäre mit einem Kurat-Gold-System nicht möglich.

Angesichts der aktuellen Krise und der daraus resultierenden strukturellen Veränderungen ist zu erwarten, dass die Musik in der Finanzwelt nun leiser spielen wird. Stellenabbau, Sparprogramme, Regulierungen und Vorschriften belasten die Branche. Quo vadis – Finance?

Ja, die Finance-Branche wird sich in den kommenden Jahren deutlich verändern. Sind wir aber mal ehrlich, die letzten drei bis vier Jahre hat sich da auch schon viel getan. Nun kommen die unangenehmen Dinge, wie Personalabbau bzw. Personalum- und Freisetzung. Es wird sich viel verändern, aber im Kern wird Finance ein fundamentaler Bestandteil der Wirtschaft bleiben.

Befindet sich die Branche in ihrer größten Krise?

Derzeit ja! Es ist vergleichbar wie mit anderen massiven Einschnitten in anderen Branchen. Dennoch glaube ich auch, dass es für die Finance-Branche eine sehr große Chance ist. Es werden besser ausgebildete Mitarbeiter etc. gebraucht. Hier liegt der Schlüssel nicht im gesundschrumpfen.

Welche Rolle spielen Innovationen in diesem Zusammenhang?

Innovation treibt natürlich Investitionen und auch Fehlinvestitionen. Diese Fehlallokationen kann man in guten Zeiten mittragen. In schlechten fallen diese dem Rotstift zum Opfer. Das sehen wir gerade. Das ist aber an sich nichts Schlimmes. So funktioniert Wirtschaft…

Alles ändert sich, nichts vergeht?

Ja, so könnte man das ausdrücken.

Welche Veränderungen gibt es im Financial Engineering?

Die Produkte haben sich schon sehr verändert. Diese sind nun deutlich transparenter und klarer geworden. Die Anforderungen an die Transparenz und an das Controlling sind deutlich gewachsen. Dies wird sich so weiter etablieren. Es muss jedoch auch gesehen werden, dass das Financial Engineering langsam einfach erwachsen wird. Die Probleme die wir gesehen haben, kamen teilweise auch aus der Tatsache heraus, dass keiner einen Erfahrungswert etc. damit hatte. Und es muss gesagt werden, dass viele Probleme nichts mit den Produkten zu tun hatte. Schauen Sie sich Lehman Brothers und die Zertifikate an. Da konnten ja die Zertifikate nichts dafür, dass der Emittent in die Insolvenz gegangen ist.

Müssen die Produkte wieder einfacher und durchschaubarer werden?

Da sind wir auf dem Weg hin.

In der Presse werden immer wieder OTC (‚over-the-counter‘, außerbörslicher Handel) Derivate als die Wurzel allen Übels bezeichnet. Welche Auswirkungen hätten strikte Regularien auf den OTC Markt?

Das ist nun ein Mythos ;o) Nein, der OTC Markt ändert sich ebenfalls deutlich. Ich bin ein sehr großer Verfechter eines CCP Modells, wie dieses bereits an den etablierten Terminbörsen gang und gebe ist. Ich denke, dies ist einer der richtigen Schritte für einen konsequenten und transparenten OTC Markt.

Sind Regularien überhaupt sinnvoll?

Sobald wir uns über ein Massenphänomen unterhalten, bedarf es Regeln. Die Masse beginnt bei zwei Personen. ;o)

Es werden Stimmen laut, dass der Glass-Steagall Act von 1933 wieder eingeführt werden sollte. Halten Sie die Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken für eine logische Konsequenz aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre?

Ich halte davon nicht viel. Lehman Brothers war eine 100% reine Investmentbank. Hat es was gebracht? Ich würde mal „Nein“ postulieren. Daher sollten wir nicht in der Vergangenheit kramen sondern Lösungen für die Zukunft schaffen. Das geht mit Regeln aber oft viel besser mit gesundem Menschenverstand.

Wie können Banken das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen?

Vertrauen baut sich nur über sehr viele Jahre auf. Das dauert. Aber! Die meisten Bankkunden vertrauen doch ihrem Banker. Die haben doch auch nicht das Thema mit der Krise. Diese sind davon doch auch nicht betroffen. Natürlich hören wir immer die Meldungen von Problemfällen. Aber wie viele Kundengespräche werden jedes Jahr geführt und sind gut? Ich denke, hier liegt viel Polemik mit drin. Ich will nichts gesund beten, es müssen Änderungen und Regeln kommen. Aber alles ist auch nicht zu verteufeln.

Halten Sie Crowdfunding oder Islamic banking für zukunftsfähige Konzepte?

Nein, dass ist ein Kulturkreisthema, welches nicht so einfach einzubinden ist. Hier muss man die jeweiligen kulturellen Hintergründe beachten.

Wie sieht aus Ihrer Sicht der Customer Touchpoint der Zukunft aus?

Gute Frage, mit diesem Thema beschäftigen sich gerade viele. Wir müssen zwischen den jeweiligen Kundengruppen unterscheiden. Eine Aussage kann man aber generell treffen, der Kunde will mehr denn je ein gutes Serviceangebot haben und ich glaube, der Touchpoint der Zukunft liegt in einem Multikanalansatz, online, App und Filialbank. Der Berater muss aber auch so flexibel sein, zum Kunden zu kommen.

Sie sind sehr stark an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen engagiert. Wirtschaft und Umwelt passt das?

Das passt hervorragend! Das eine bedingt das andere. Wir sind hier auch sehr bemüht, die Verlinkung für uns mit unseren Studierenden hinzubekommen. Gerade Themen wie Ethik im Financial Engineering, „Nachhaltige BWL“ etc. zählen hier genauso dazu wie das Pflanzen eines Baumes für den Studiengang. Da gibt es viele Links, welche sich oft erst auf den zweiten Blick erschließen.

Wie kam es zu diesem Engagement?

Ich bin der felsenfesten Ansicht, dass nur Bildung zu einem Verändern der Welt zu einem Besseren hin beitragen kann. Daher hatte ich beschlossen mich hier aktiv einbringen zu wollen. Mein Lebensleitspruch: Docendo Discimus –  Durch lehren lernen wir umschreibt das glaub ganz schön.

Im Studiengang M.Sc. International Finance lehren Sie Derivatives & Financial Engineering. Was ist das besondere an diesem Gebiet?

Es ist der Prozess des Entstehens eines Produktes in der sonst so absolut abstrakten Finanzwelt. Das konstruieren von Lösungen. Ist ein Banker sonst doch eher mit der Fristentransformation beschäftigt, kann hier der Rahmen erweitert werden.

Was gefällt Ihnen an diesem Studiengang?

Der Studiengang ist ein sehr zukunftsausgerichteter Studiengang. Wir versuchen den Studierenden für die Zukunft den Weg zu weisen, verbunden mit den alten Traditionen und Werten. So sind wir fest in der Tradition, der Umgebung und in unserem Verständnis für die Lehren Humbold’s verwurzelt. Aus all dem versuchen wir, und ich hoffe, es gelingt uns, eine Zukunftsvision auf.

Wie wichtig ist Ihnen die Verbindung zwischen Theorie und Praxis?

Extrem! Ohne diese Verbindung kann eine neue Idee keine Früchte tragen. Das Neue braucht immer Freunde. Diese muss man in Theorie und Praxis finden.

Was müssen Studenten mitbringen, um erfolgreiche Financial Engineers zu werden?

Neben den klassischen wissenschaftlichen Grundgegebenheiten, einem guten Verständnis für Mathematik und Statistik ist die Neugierde und der Wunsch Neues zu erreichen das wichtigste Kriterium dafür.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Unternehmen  einen großen Wert auf Konformität legen. Auslandsstudium, Praktika, und Zusatzqualifikationen sind vermeintlich von großer Bedeutung. Wie wichtig sind diese Dinge wirklich? Wo bleibt die Individualität?

Es stimmt, es wird heute ein gewisser „Standard“ angenommen. Ich persönlich finde diese Lebensläufe jedoch sehr austauschbar und verzeihen Sie mir den Ausdruck: langweilig. Ich setze auch voraus, dass ein Bewerber gut Englisch spricht etc. aber das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Hat jemand etwas in seinem Leben gemacht, etwas wo er sich selbst in eine Grenzerfahrung geführt hat, so ist dies für ein Unternehmen viel wertvoller. Nicht das Selfcloning eines Chefs oder der anderen Mitarbeiter führt ein Unternehmen zum Erfolg. Sondern die Mischung von unterschiedlichen Charakteren – Stichwort: Diversity – ist hier wichtig. Der Wechsel eines Blickwinkels bringt oft mehr als alles andere. Mich begeistern Menschen, die mit offenen Augen und vor allem mit einem freien offenen Geist durch das Leben gehen. Klar ist ein Auslandssemester in den USA klasse. Aber wer zusätzlich noch eines in Japan oder ein Sabbatical in Israel etc. gemacht hat, das finde ich bemerkenswert. Vorausgesetz, der Rest stimmt auch.

Mit welcher Person der Zeitgeschichte würden Sie gerne mal essen gehen?

Aus der weiter zurück liegenden Geschichte, mit Sir Issak Newton und Albert Einstein. Von den noch lebenden würde ich gerne mal mit Bill Clinton oder Benedikt XVI. sprechen.

Haben Sie Vorbilder?

Ich eifere keinem Vorbild nach, wenn die Frage dies impliziert. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Menschen, die ich hoch interessant und sehr wertvoll erachte. Wo man sich das ein oder andere auch abschaut. Dennoch bin ich der Ansicht, man muss sich selbst treu bleiben. Ich mag keine Kunstfiguren, die sich selbst vergessen haben.

Gibt es Schritte in Ihrer Karriere, die Sie bereut haben?

Nein, es war bestimmt nicht jede Entscheidung richtig. Dennoch würde ich alles nochmals genau so machen. Wir entscheiden jeden Tag bei unvollkommener Information. Das ist nun mal das Leben.

Was reizt Sie am Spagat zwischen Lehre und Praxis?

So viele Möglichkeiten zu haben. So viel ausprobieren zu können und sich so viele Gedanken machen zu dürfen.

Gab es eine besondere Vorlesung, an die Sie sich gerne zurück erinnern?

Ja, da gab es viele. Letztes Semester waren viele gute Diskussionen und auch sehr lustige Gespräche dabei. Natürlich schaut man immer gerne auf die erste Vorlesung zurück… Das ist wohl der Sentimentalität geschuldet.

Welchen Rat würden Sie Studenten mit auf den Weg geben?

Man spielt im eigenen Leben die Hauptrolle. Spielt diese so, wie ihr es haben wollt und nicht wie andere euch verbiegen wollen. Wir haben die Möglichkeit und die Fähigkeit ein Leben lange zu lernen und mit offenen wachen Augen durch das Leben zu gehen. Das muss man nutzen. Mit unter die größte Erfindung der Menschheit ist die Schrift. Diese schafft uns ein Gedächtnis und sichert uns Bildung. Lesen und reflektieren ist somit eine der fundamentalen Grundsäulen unseres Lebens. Und ein letzter und bei weitem glaube ich der wichtigste Rat, welchen ich mir erlaube mit anzumaßen, habt Spaß – jeden Tag!

Ein guter Schluss – ein Muss…Herr Bloss, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Auf einen Kaffee mit… Steffen Wagner und Michael Bloss

 

Michael Bloss, CFE ist Direktor der Commerzbank AG und des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt Financial Engineering an der European School of Finance (ESF) der HfWU sowie als Visiting Professor an der University of Vancouver Island, B.C. Canada. Als Kommentator des Geschehens an den internationalen Finanzmärkten ist er u. a. regelmäßig auf N24 und dem Deutschen Anlegerfernsehen DAF zu sehen.

Steffen Wagner, Student im Studiengang M.Sc. Business Analysis and Consulting an der University of Strathclyde, Glasgow, UK.

Artikelbilder: © Okea – Fotolia.com

 

 

Über den Autor

steffenwagner

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